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…wichtige Werkzeuge in der BurnOut – Prävention

Wu Song – Entspannung, die mit Spannung beginnt

Inhalte dieses Beitrages

Eine besondere Erfahrung aus meinem Shaolin-Qigong-Training

Als ich vor einigen Jahren begonnen habe, mich intensiver mit Qigong und den Shaolin-Künsten zu beschäftigen, habe ich vieles kennengelernt, was für mich zunächst ungewohnt war.

Denn wer sich mit asiatischen Kampf- und Bewegungskünsten beschäftigt, lernt nicht nur Bewegungen.

Man begegnet einer anderen Denkweise.

Einer anderen Vorstellung davon, wie Körper, Geist, Atmung, Aufmerksamkeit, Kraft und Entspannung miteinander verbunden sind.

Und genau deshalb möchte ich an dieser Stelle etwas vorstellen, das für mich besonders interessant geworden ist:

Wu Song.

Der Begriff wird häufig mit „fünf Lockerungen“, „fünf Entspannungen“ oder „fünf Methoden des Loslassens“ übersetzt.

Aber wenn man Wu Song nur mit dem Wort Entspannung verbindet, versteht man meines Erachtens noch nicht, worum es wirklich geht.

Denn das Faszinierende daran ist:

Wu Song beginnt nicht unbedingt mit Entspannung.

Manchmal beginnt es mit dem Gegenteil.

Mit Spannung.


Entspannung durch ihr Gegenteil erfahren

Das war für mich einer der interessantesten Gedanken.

Wie soll ich lernen, wirklich loszulassen, wenn ich überhaupt nicht weiß, wie sich Spannung in meinem Körper anfühlt?

Bei Wu Song wird deshalb mit einem Prinzip gearbeitet, das zunächst fast widersprüchlich klingt:

Um Lockerung wirklich zu erfahren, wird zunächst bewusst Spannung aufgebaut.

Und zwar nicht ein bisschen.

In der von Shi Heng Yi vermittelten Wu-Song-Praxis werden bestimmte Körperbereiche bewusst angespannt und die Spannung über eine längere Zeit gehalten. Anschließend wird die Spannung langsam wieder gelöst.

Genau dieser Wechsel ist entscheidend.

Anspannen.

Wahrnehmen.

Halten.

Die eigene Grenze kennenlernen.

Und dann:

Loslassen.

Das ist etwas völlig anderes als einfach nur zu sagen:

„Entspann dich.“


Was bedeutet Wu Song?

Wu Song – 五鬆 – wird als „fünf Lockerungen“ beziehungsweise „fünf Entspannungs- oder Loslassmethoden“ bezeichnet.

In der konkreten Vermittlung, die ich kennengelernt habe, geht es um fünf Körperbereiche:

  • die Hände beziehungsweise Fäuste
  • den Brustbereich
  • den Bauch- beziehungsweise Rumpfbereich
  • das Gesäß
  • die Beine

Dabei geht es nicht darum, diese Bereiche einfach nur locker zu machen.

Das Ziel ist vielmehr, Spannung und Lockerheit bewusst unterscheiden und beeinflussen zu lernen.

Genau diese Fähigkeit wird in der von Shi Heng Yi vermittelten Praxis immer wieder betont: Der Übende soll lernen, sehr genau wahrzunehmen, wo Spannung vorhanden ist, wo Lockerheit vorhanden ist und wie sich beide Zustände verändern lassen.

Und darin steckt für mich eine viel größere Idee.

Denn wie oft laufen wir eigentlich mit Spannungen durch den Alltag, ohne sie überhaupt noch wahrzunehmen?


Ich spanne mich an – und dann lasse ich los

Das ist der Punkt, an dem Wu Song für mich persönlich besonders interessant wird.

Ich habe es nicht als sanfte Entspannungsübung erlebt.

Es kann ziemlich krass sein.

Du baust Spannung auf.

Du hältst sie.

Und irgendwann kommt der Moment, an dem du merkst:

Jetzt reicht es.

Und dann lässt du los.

Dieser Moment des Loslassens fühlt sich anders an als eine Entspannung, die einfach nur aus „nichts tun“ besteht.

Du hast vorher sehr deutlich erfahren, was Spannung bedeutet.

Und genau deshalb kannst du den Unterschied spüren.

Das ist für mich eine der stärksten Erfahrungen aus dieser Praxis.


Der Körper lernt, zwischen Spannung und Lockerheit zu unterscheiden

Wenn ich darüber nachdenke, ist das eigentlich eine ziemlich geniale Idee.

Unser Körper befindet sich ja nicht ständig eindeutig in einem Zustand.

Wir tragen Spannungen mit uns herum.

In den Schultern.

Im Kiefer.

Im Bauch.

In den Händen.

Im Rücken.

In den Beinen.

Und manches davon merken wir irgendwann gar nicht mehr.

Es ist einfach „normal“ geworden.

Wu Song fordert dazu auf, genauer hinzuschauen.

Wie fühlt sich Spannung eigentlich an?

Wie stark ist sie?

Wo beginnt sie?

Kann ich sie halten?

Kann ich sie bewusst wieder lösen?

Und kann ich anschließend wahrnehmen, was sich verändert hat?

Das ist für mich nicht nur eine körperliche Übung.

Es ist eine Übung in Körperwahrnehmung und Aufmerksamkeit.


Fünf Bereiche – fünf unterschiedliche Erfahrungen

Die fünf Bereiche werden in der konkreten Wu-Song-Praxis unterschiedlich angesprochen.

Bei den Händen geht es beispielsweise um das bewusste Schließen und Halten der Fäuste. Dabei wird nicht nur die Kraft betrachtet. Die Aufmerksamkeit bleibt gleichzeitig sehr genau bei den Händen und Fingern.

Beim Brustbereich spielt die Verbindung von Atmung, Aufmerksamkeit und Spannung eine wichtige Rolle.

Beim Bauch beziehungsweise Rumpf wird die Spannung rund um den Körpermittelpunkt bewusst erfahren.

Beim Gesäß wird eine sehr deutliche muskuläre Spannung aufgebaut.

Und bei den Beinen entsteht die Spannung unter anderem durch die Körperposition und die bewusste Aktivierung der Muskulatur.

Ich möchte diese Übungen hier ausdrücklich nicht Schritt für Schritt erklären.

Dafür gibt es gute Lehrvideos und Menschen, die diese Praxis vermitteln und anleiten.

Mir geht es an dieser Stelle um etwas anderes:

Was steckt hinter der Methode – und warum hat sie mich beschäftigt?


Wu Song ist kein „Wellness-Qigong“

Das ist mir wichtig.

Wenn jemand bei Qigong automatisch an langsame, weiche Bewegungen denkt, an ein bisschen Atmen und Entspannung im Park, dann bekommt er mit Wu Song eine ziemlich interessante Überraschung.

Qigong kann sehr unterschiedlich aussehen.

Es gibt sanfte und meditative Formen.

Es gibt gesundheitsorientierte Formen.

Und es gibt Formen, die deutlich körperlicher, kraftvoller und enger mit den chinesischen Kampfkünsten verbunden sind.

Wu Song zeigt diese andere Seite sehr deutlich.

Hier treffen Kraft und Lockerung aufeinander.

Und gerade dieser Gegensatz ist Teil der Methode.

Die Vermittlung von Shi Heng Yi beschreibt Wu Song ausdrücklich im Zusammenhang mit Kung Fu, Qigong und den chinesischen Kampfkünsten. Die Praxis, die er zeigt, wurde ihm nach seinen Angaben von Großmeister Jiang Yu Shan überliefert.


Das Gedankengut gehört für mich dazu

Ich glaube, genau hier wird es spannend.

Wenn wir uns mit asiatischen Bewegungskünsten beschäftigen, können wir nicht einfach nur die Bewegungen herausnehmen und den Rest weglassen.

Denn hinter diesen Methoden steht eine bestimmte Vorstellung vom Menschen.

Von Körper und Geist.

Von Spannung und Lockerheit.

Von Kraft und Kontrolle.

Von Aufmerksamkeit und innerer Entwicklung.

Begriffe wie Qi, Dantian, Jing oder Meridiane gehören in den traditionellen chinesischen Denk- und Medizinsystemen in einen eigenen Zusammenhang.

Ich möchte diese Begriffe deshalb nicht einfach durch westliche Begriffe ersetzen.

Wenn in der traditionellen Qigong-Lehre von Qi gesprochen wird, ist damit nicht einfach „Energie“ im physikalischen Sinn gemeint.

Und wenn von Meridianen gesprochen wird, handelt es sich nicht um eine anatomische Struktur, die man mit einem Blutgefäß oder einem Nerv gleichsetzen könnte.

Das traditionelle Modell darf seine eigene Sprache behalten.

Man muss nicht alles in westliche Begriffe übersetzen, um es ernst nehmen zu können.


Und was sagt die moderne Betrachtung dazu?

Natürlich können wir uns zusätzlich fragen, was bei solchen Übungen aus heutiger physiologischer Sicht passiert.

Bewusste Muskelanspannung und anschließendes Loslassen verändern beispielsweise die Wahrnehmung von Muskelspannung. Aufmerksamkeit richtet sich gezielt auf bestimmte Körperbereiche. Atmung, Körperhaltung und bewusste Konzentration spielen ebenfalls eine Rolle.

Das lässt sich mit modernen Vorstellungen über Körperwahrnehmung, Stressregulation und das autonome Nervensystem betrachten.

Aber:

Das ist eine zusätzliche Betrachtung – nicht die Übersetzung der traditionellen Qigong-Lehre.

Für mich dürfen beide Perspektiven nebeneinanderstehen.

Die traditionelle Sicht erklärt die Praxis innerhalb ihres eigenen Systems.

Die moderne Physiologie kann bestimmte körperliche Vorgänge aus ihrer Perspektive untersuchen.

Beides muss nicht dasselbe sein.


Warum mich das für die Stressreduktion interessiert

Und damit sind wir wieder bei meinem eigentlichen Thema.

Stress.

Denn Stress bedeutet für mich inzwischen nicht mehr nur:

„Ich habe zu viele Termine.“

Stress zeigt sich auch körperlich.

Wir spannen uns an.

Wir halten fest.

Wir werden schneller.

Wir atmen anders.

Wir sind innerlich auf Empfang.

Und manchmal merken wir überhaupt nicht mehr, dass unser Körper ständig einen gewissen Spannungszustand hält.

Genau deshalb finde ich die Erfahrung von Wu Song interessant.

Nicht weil ich behaupten möchte, dass Wu Song irgendeine Krankheit heilt.

Sondern weil die Praxis eine sehr direkte Erfahrung vermittelt:

Ich kann Spannung wahrnehmen.

Ich kann sie bewusst erzeugen.

Und ich kann lernen, sie wieder loszulassen.

Für mich ist das eine bemerkenswerte Erfahrung.


Wenn der innere Schweinehund plötzlich mittrainiert

Bei jeder dieser Übungen habe ich irgendwann meinen ganz persönlichen inneren Schweinehund kennengelernt.

Und der ist erstaunlich überzeugend.

Er sagt:

„Hör auf.“

„Das tut weh.“

„Das ist zu viel.“

„Du hast jetzt genug gemacht.“

Gerade am Anfang, wenn man Wu Song zum ersten, zweiten oder dritten Mal praktiziert, kommt man erstaunlich schnell an eine persönliche Grenze.

Aber irgendwann habe ich verstanden:

Eine Grenze fühlt sich nicht immer genauso an wie eine wirkliche körperliche Grenze.

Manchmal ist es einfach der Moment, in dem mein Kopf mir signalisiert: Ich möchte jetzt aufhören.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man körperliche Warnsignale ignorieren sollte. Schmerzen, Schwindel, Atemnot oder andere deutliche Warnzeichen sind etwas anderes und gehören ernst genommen.

Aber zwischen einem echten Warnsignal und dem einfachen Wunsch, eine anstrengende Übung jetzt lieber zu beenden, liegt ein großer Unterschied.

Und genau dort wird Wu Song für mich auch zu einer Übung für den Kopf.

Denn plötzlich merke ich:

Ich könnte vielleicht noch ein kleines bisschen weitergehen.

Nicht viel.

Nicht um jeden Preis.

Vielleicht nur einen Ticken.

Und genau dieses „noch einen Ticken“ kann eine erstaunliche Erfahrung sein.

Das kenne ich übrigens auch aus dem Krafttraining.

Wenn mir jemand sagt: „Mach fünf Wiederholungen“, dann kann es durchaus passieren, dass mein innerer Schweinehund bereits nach der dritten Wiederholung sagt:

„So, das reicht jetzt aber wirklich.“

Und manchmal stimmt das einfach nicht.

Ich kann die vierte machen.

Und vielleicht auch die fünfte.

Dabei geht es nicht darum, seinen Körper zu übergehen oder Schmerz zu ignorieren. Es geht darum, den Unterschied zwischen „Ich kann nicht mehr“ und „Ich möchte nicht mehr“ kennenzulernen.

Für mich ist genau das eine der interessanten Erfahrungen beim Training:

Meine erste gefühlte Grenze ist nicht zwangsläufig meine tatsächliche Grenze.

Und manchmal verschiebt sich diese Grenze, wenn ich nicht sofort auf die Stimme höre, die mir sagt:

„Hör auf.“

Vielleicht ist das eine der kleinen Lektionen, die man aus dem Training mit in den Alltag nehmen kann.

Nicht jede innere Stimme hat automatisch recht.

Manchmal braucht es nur ein bisschen Aufmerksamkeit, um herauszufinden:

Ist das gerade wirklich meine Grenze – oder möchte ich einfach nur, dass es aufhört?

Nicht alles muss sanft sein

Vielleicht ist das sogar eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus meiner Beschäftigung mit den Shaolin-Künsten mitgenommen habe.

Entwicklung bedeutet nicht immer, dass etwas angenehm sein muss.

Manchmal muss ich mich einer Spannung stellen.

Manchmal muss ich eine Grenze kennenlernen.

Manchmal muss ich aushalten.

Und manchmal muss ich genau im richtigen Moment loslassen.

Das gilt für den Körper.

Aber vielleicht gilt es auch für andere Bereiche des Lebens.

Wir halten an Gedanken fest.

An Erwartungen.

An Ärger.

An Sorgen.

An Dingen, die längst vorbei sind.

Und vielleicht merken wir irgendwann:

Ich halte gerade etwas fest, das ich eigentlich loslassen könnte.

Wu Song ist natürlich keine psychologische Methode, die solche Probleme einfach löst.

Aber für mich ist die körperliche Erfahrung ein interessantes Bild dafür.


Wu Song ist nicht für jeden der richtige Einstieg

Und hier möchte ich ausdrücklich vorsichtig sein.

Ich würde Wu Song nicht einfach jedem Menschen als Entspannungsübung empfehlen.

Die konkrete Praxis kann körperlich fordernd sein und beinhaltet intensive Muskelanspannung sowie teilweise Atem- und Haltephasen. Gerade deshalb sollte man nicht einfach ein Video einschalten und versuchen, mit aller Kraft nachzumachen, was dort gezeigt wird.

Wer körperliche Beschwerden, deutliche Einschränkungen oder gesundheitliche Probleme hat, sollte vorher klären, ob eine solche Belastung überhaupt geeignet ist.

Und auch Menschen ohne besondere Beschwerden müssen nicht sofort maximal trainieren.

Bei solchen Methoden gilt für mich:

Verstehen kommt vor Nachmachen.


Was ich aus Wu Song mitnehme

Ich habe durch Wu Song etwas gelernt, das sich eigentlich ganz einfach anhört:

Entspannung ist nicht dasselbe wie Schwäche.

Lockerheit bedeutet nicht, dass ich nichts mehr kann.

Im Gegenteil.

In den chinesischen Kampfkünsten ist die Fähigkeit, Spannung gezielt einzusetzen und ebenso gezielt wieder loszulassen, ein wichtiges Prinzip. Die von Shi Heng Yi vermittelte Wu-Song-Praxis macht genau diesen Gegensatz körperlich erfahrbar.

Und vielleicht ist das auch der Grund, warum mich diese Methode so fasziniert.

Sie fordert mich auf, genauer hinzuspüren.

Nicht nur:

Bin ich angespannt?

Sondern:

Wo bin ich angespannt?

Wie stark ist die Spannung?

Kann ich sie bewusst halten?

Und kann ich sie wieder vollständig loslassen?


Eine andere Tür zur Entspannung

Qigong hat für mich viele Türen geöffnet.

Manche führen zu Bewegung.

Manche zur Atmung.

Manche zur Meditation.

Und manche führen zu einer ganz anderen Art, den eigenen Körper wahrzunehmen.

Wu Song gehört für mich zu diesen besonderen Türen.

Es ist nicht einfach „Entspannung“.

Es ist auch nicht einfach Krafttraining.

Es ist ein bewusstes Spiel mit Spannung und Lockerheit, Kraft und Loslassen, Aufmerksamkeit und Körperwahrnehmung.

Und vielleicht ist genau das die Botschaft, die ich daraus für meinen Alltag mitnehme:

Ich muss nicht jede Spannung vermeiden.

Ich darf lernen, sie wahrzunehmen.

Ich darf lernen, sie bewusst einzusetzen.

Und ich darf vor allem lernen, sie wieder loszulassen.

Denn manchmal beginnt echte Entspannung genau dort:

wo ich aufhöre, gegen meine eigene Spannung anzukämpfen – und lerne, sie bewusst loszulassen.

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